03-01-00 Auf dem Europäischen Fernwanderweg E 3 – Teil 4

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Nach Norden bis zur Jakobsmuschel

Nach genauer Betrachtung der Landschaft mit ihren sanften Hügeln und kleinen Ortschaften beschließe ich, meinem Geko-GPS nun mehr Vertrauen zu schenken als den kurvenreichen Kleinstraßen. Man muss nur ein paar Schritte gehen, um vom elektronischen Kompass die Richtung angezeigt zu bekommen. Der Schotterweg, der von der Serpentinenstraße nach Was-weiß-ich-wohin links abzweigt, führt exakt in nördliche Richtung. Und genau die brauche ich jetzt, um irgendwann und irgendwo die Markierung des Jakobsweges zu finden. Bäume, Gestrüpp und Bachläufe machen mir da weniger Sorgen als die allein stehenden Häuser und Höfe. Denn dort wacht oft ein frei laufender Drecksköter. Und um einem solchen im Konfrontations-Falle nicht hilflos ausgeliefert zu sein, zerre ich mir einen dicken Holzknüppel aus dem Gebüsch und stecke ihn griffbereit wie ein Samurai-Schwert in die Schlaufen meines Rucksacks. Dabei fällt mir ein, dass ich vielleicht noch einmal in das „Handbuch für die europäischen Fernwanderwege“ von Hans-Jürgen Gorges blicken könnte, um etwas über die Landschaft und ihre Eigenarten zu erfahren.

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Und ich werde sogar fündig und erfahre, dass von Santiago aus zunächst das Galicische Bergland mit Höhen bis zu 1.400 Metern durchquert werden muss. Ich blicke mich um und stelle erleichtert fest, dass solche Höhen weit und breit nicht in Sicht liegen. Und dann ist zu lesen: „Ausreichend Niederschläge ermöglichen eine grüne Landschaft“. Niederschläge? Dagegen wäre jetzt überhaupt nichts einzuwenden. Obwohl der Schotterweg nur leicht ansteigt, komme ich gehörig ins Schwitzen. Darum ziehe ich mit das T-Shirt aus, um es mir als Schweißband-Ersatz um den Kopf zu wickeln. Und als ich mir dabei das T-Shirt betrachte, wird mir plötzlich klar, warum sich einige Passanten in Santiago so herzlich über mein T-Shirt amüsiert haben. Da ist ein grünes, wanderndes Männchen mit großem Hut abgebildet und drunter steht: „Going for Guinness!“. Wie fatal! Tausende wandern alljährlich auf verschiedenen Pilgerrouten nach Santiago, um vielleicht nur einmal im Leben der Kathedrale mit den Gebeinen des heiligen Jakobus (wenn es denn stimmt!) einen Besuch abzustatten, und ich komme da mit dem Spruch „Going for Guinness“. Ich habe ja überhaupt nichts gegen Pilger. Ich hoffe, ich habe sie damit nicht verletzt. Wenn ich den Jakobsweg bzw. den E 3 einmal gefunden habe, können sie ja gar nicht anders als „sehr entgegenkommend“ zu sein. Aber ich werde sie lieber nicht nach dem Weg nach Istanbul fragen!

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Während ich mir diese Geschichte höchst amüsiert durch den Kopf gehen lasse, passiere ich eine Villa mit großem Rasengrundstück. Oha, da liegen zwei kräftige Monsterhunde. Offenbar stand der Wind günstig. Die Viecher haben mich gar nicht bemerkt. Am Ende des Grundstückes stehe ich plötzlich vor einer Ziege, die mitten auf dem Weg an einem Pflock angeleint wurde. Irgendwie erinnert mich das an eine Szene aus Jurassic-Park I… aber ich habe ja meinen Holzknüppel! Nun geht es erst einmal durch hohe Büsche und bald darauf auf einem Asphaltweg weiter aufwärts. Bald stoße ich auf einen Querweg und beschließe dort, nun querfeldein und geradeaus durch den Wald zu marschieren. Die Bäume dieses Waldes kommen mir allerdings etwas spanisch vor. Bei uns gibt es die jedenfalls nicht. Und da erinnere ich mich, was im Gorges-Handbuch stand: „Auffällig sind die Aufforstungen mit hier nicht heimischen Eukalyptusbäumen“. Also werde ich diese Bäume auf meinem Film- und Fotomaterial stets als Eukalyptus bezeichnen. Und sollten es keine Eukalyptusbäume sein, bitte ich die Fachwelt um Vergebung.

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Man kann relativ bequem querfeldein durch einen Eukalyptuswald marschieren. Auf dem Boden wachsen nur niedere Farne, die kein Hindernis darstellen. Rund 70 Höhenmeter habe ich vom letzten Rastpunkt bereits gemeistert, als ich den Waldrand erreiche und wieder vor einem Privatanwesen stehe. Hier folge ich einem Wiesenpfad, der mich in nordwestlicher Richtung in ein breites Tal führt. Im Tal staune ich über seltsame Sträucher mit orangefarbenen Trieben. Zu meiner Linken erblicke ich ein Dorf, beschließe jedoch, weiter Kurs Nord zu halten. Labacolla konnte das auf keinen Fall sein. Bald erreiche ich einen breiten Weg. Von einer Bachbrücke aus entdecke ich ein kleines steinernes Häuschen, das ich mir natürlich näher betrachten muss. Ein herrliches Fotomotiv. Weiter auf dem Waldweg erreiche ich kurz darauf eine Kleinstraße, folge dieser weiter in Richtung Norden und biege in einer scharfen Rechtskurve links ab. Hier ist man offenbar gerade dabei, einen herrlichen Wanderweg direkt am Bachlauf zu schaffen. Und der Kurs passt hundertprozentig. Es folgt ein herrliches Naturerlebnis. Durch herrliche Eukalyptuswälder (???!), Auen und Eichenbestände schlängelt sich der Weg durch das Bachtal. Was würde ich dafür geben, wenn ich wüsste, wo ich mich hier befinde. Nach zwei Kilometern etwa führt der Weg durch eine kleine Felsenschlucht und kurz darauf stehe ich vor einer Absperrung. Aha! Das Betreten dieses herrlichen Weges war also nicht erlaubt. Kann mir aber jetzt egal sein. Ein Asphaltweg bringt mich nun in nordwestlicher Richtung weiter. Es ist immer noch sehr heiß und es geht wieder kräftig bergan. Auf einer Anhöhe staune ich über die herbstlichen Farben der Landschaft. Von orange, grün und gelb über alle Braun- und Grautöne bis zu einem satten Blaugrau reicht das Farbenspektrum (soweit ich das mit angeborener Grün-Rot-Störung beurteilen kann).

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Endlich kommt ein Dorf in Sicht. Das kann nur Labacolla sein, denke ich, und schaue auf die Uhr. Hoppla, es ist ja schon 16.30 Uhr. Jetzt bin ich schon über sechs Stunden unterwegs – und immer noch keine Spur von der Jakobsmuschel. So packe ich das GPS, die Video-Cam und die Digital-Kamera in den Rucksack und lege jetzt erst einmal einen Tempomarsch vor. Der Ort kommt näher und näher, und etwas westlich davon sehe ich eine Art Kapelle auf einem Hügel. Hier muss doch eine Spur vom Jakobsweg zu finden sein. Die Kapelle erweist sich als ein großes Monument mit einem Kreuz obendrauf. Auf Asphalt- und Wiesenwegen marschiere ich auf dieses Monument zu, kreuze eine Landstraße und stelle an einem großen Info-Pillon fest, dass ich auf einer anderen Seite des Monte do Gozo war. Erwartungsvoll folge ich einem steilen Pfad die Böschung hinauf und wenige Minuten später stehe ich direkt vor diesem erstaunlichen Monument.

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An allen vier Seiten des mächtigen Steinsockels sind Apostelbilder zu bestaunen und inmitten des Kreuzes erblicke ich es: das Symbol des Jakobusweges – die Muschel! Von Osten her sehe ich weit unterhalb des Monumentes mehrere Pilgergruppen anrücken. Kein Zweifel – jetzt bin ich auf dem richtigen Weg!

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