SC-1292 Auf den Spuren von Robert Burns in Ayr

Symbolfigur der kulturellen Regeneration Schottlands

Presseartikel für den Gießener Anzeiger von Gerd Baumung aus dem Jahr 2007 im usprünglichen Text

Ryanair macht’s möglich. Schon für 0,01 Euro (Endpreis einschließlich Steuern und Gebühren ca. 35 Euro) fliegt man heute von Frankfurt-Hahn nach Glasgow-Prestwick. An Prestwick schließt sich im Süden die Hafenstadt Ayr an und folgt man dem Firth of Clyde noch etwas weiter südlich, erreicht man den Stadtteil Alloway, den Geburtsort eines Dichters und Barden, der auf zahlreichen Gedenksteinen gemeinsam mit dem Volkshelden William „Braveheart“ Wallace verewigt ist: Robert Burns. Das Abbild des schottischen Lieddichters, Schriftstellers und Poeten Robert Burns findet sich in ganz South Ayrshire in fast jedem Lokal, in Banken, öffentlichen Gebäuden und sogar auf schottischen Pfund-Noten.

Die „Burns Night“ anlässlich seines Geburtstages am 25. Januar hat in Schottland einen Stellenwert, der fast mit dem St. Patricks Day auf der irischen Nachbarinsel vergleichbar ist. Robert Burns ist in Schottland weitaus mehr als nur ein großer Dichter. Er wurde zur Symbolfigur der kulturellen und gesellschaftlichen Regeneration einer Nation.

Grab der Eltern an der Alloway Auld Kirk

Die jungen Jahre
Robert Burns fristete den größten Teil seines kurzen Lebens in Armut und Bescheidenheit. Er wurde 1759 als ältester Sohn des armen Landpächters William Burns geboren. Mit großer Leidenschaft verschlang er Bücher, vorzugsweise zunächst die, die von der schottischen Geschichte handelten. Mit 16 Jahren hatte er bereits die Werke der bedeutendsten Dichter Englands sowie zahlreiche philosophische Schriften gelesen. Trotz aller Armut konnten die Eltern ihrem begabten Knaben privaten Unterricht finanzieren. Als Gegenleistung erwartete der Vater allerdings die Mithilfe bei der harten Feldarbeit. Eine rote Rose ist untrennbar mit dem Konterfei des Dichters verbunden. Man sagt Robert Burns nach, dass es die Liebe zu einem Landmädchen war, die ihn zum Schreiben veranlasste.

Burns-Museum

Der steinige Weg zum Erfolg
Mit 19 Jahren befasste sich Burns mit mathematischen Studien und war daneben als junger Bauernsänger ein beliebter Gesellschafter. Dies führte zu einem Lebensstil, der seinem Vater in höchstem Maße missfiel. So verließ Robert das elterliche Haus und suchte sein Glück als Flachshändler. Nach dem Tod des Vaters schickte sich Robert Burns an, die Geschicke der Familie zu steuern und pachtete ein Stück Land in der Nähe von Mauchline. Missernten brachten ihn und seine Familie zur Verzweiflung. Er hatte bereits mit einer Stelle als Plantagenaufseher in Jamaika geliebäugelt, als er eine erfreuliche Nachricht aus Edinburgh erhielt. Seine erste Gedichtsammlung, bekannt als „Kilmarnock Edition“, fand dort höchste Anerkennung und warf einen Gewinn von 20 Pfund Sterling ab. Er verfasste darauf hin sein wohl bedeutendstes Werk „Poems chiefly in the Scottish dialect“ und ließ sich ein Jahr lang in Edinburgh als erfolgreicher Dichter feiern. Als frischgebackener Familienvater pachtete Burns 1789 ein Gut bei Dumfries. Das sich anbahnende Familienglück währte jedoch nicht lange. Nach der verlustreichen Aufgabe des Anwesens nahm Burns eher widerwillig eine Stellung als Steueraufseher an. In seiner allgemeinen Unzufriedenheit widmete er sich wieder verstärkt seinen dichterischen Fähigkeiten. In dieser Zeit entstanden einige seiner bemerkenswertesten Werke. Ein Beispiel seines Schaffens ist das Erzählgedicht „Tam O’Shanter“, das heute jedes Kind in Schottland kennt.

Die Geschichte von Tam O’Shanter
In zahlreichen Bars und Restaurants, aber auch an den Pforten von Hotels und öffentlichen Gebäuden der alten Grafschaft Ayrshire findet man Reliefs von zwei merkwürdigen Gestalten. Bei dem Herren mit der typischen Schottenmütze handelt es sich um Tam O’Shanter, dem Titelhelden eines der bekanntesten Erzählgedichte von Robert Burns. Das rundliche Gesicht zur Rechten gehört Souter Johnny, dem treuen Gefährten Tam O’Shanters. In dem Erzählgedicht „Tam O’Shanter“ spielt der River Doon, der die Stadt Ayr von Alloway abgrenzt, eine wichtige Rolle. Die Geschichte beginnt mit dem Ausklang eines Markttages in Ayr. Tam O’Shanter widmet sich nach getaner Arbeit dem Umtrunk in einem Wirtshaus. Erst zu sehr später Stunde trat er den Heimweg zu Pferde an. Da sah er, wie ein Blitz an der Alloway Auld Kirk einschlug.

Alloway Auld Kirk

Der anhaltende helle Schein über die Kirche lockte ihn an den Ort des Geschehens. Es war ein Anblick des Grauens. Hässliche alte Hexen stiegen aus ihren Gräbern auf und vollführten einen wilden Tanz über den Grabsteinen. Tam O’Shanter wusste, dass es gefährlich war, diesem Schauspiel zuzusehen. Doch war er fasziniert vom Anblick einer Hexe namens Nannie in ihrem „cutty sark“ (= knappes Hemdchen). So konnte er sich dem bösen Zauber nicht entziehen und wurde schließlich erkannt. Die Hexen machten eine wilde Jagd auf ihn und Tam O’Shanter konnte nur noch auf die Schnelligkeit seiner Stute Meg hoffen. Er wusste, dass Hexen kein fließendes Wasser überqueren können und rettete sich über eine Brücke des River Doon, die Brig O’Doon.

Brig O’Doon

Im letzten Moment jedoch packte eine der Hexen den Schweif des treuen Pferdes und riss ihn mit gewaltiger Kraft vom Hinterleib. So bleibt am Ende der Geschichte die Mahnung, niemals zu spät nach Hause zu gehen. Die Geschichte steckt voller detaillierter Schilderungen magischer Ereignisse und den Schotten sagt man nach, eine besondere Neigung zur Magie zu haben.

Protagonist volkstümlicher Anschauung
Robert Burns dichtete stets nur Selbsterlebtes und Selbstempfundenes. Die freie Enzyklopädie Wikipedia beschreibt unter Berufung auf Meyers Konversations-Lexikon sein Lebenswerk wie folgt: „Burns folgt in seinen Gesängen keinem anderen Lehrer als der Natur, kennt keine andere Begeisterung als die, die er aus der Tiefe seines Herzens und aus dem wirklichen Leben schöpfte“.

Burns verfasste jedoch nicht nur Lieder und Gedichte. Zahlreiche politische Schriften wurden in den großen Tageszeitungen Schottlands veröffentlicht, was ihm nicht nur ungeteilte Anerkennung einbrachte. Seine Sympathien zu den Kämpfern der französischen Revolution raubten ihm ebenso wie sein Bekenntnis zur verdrängten Dynastie der Stuarts im eigenen Lande die Gunst seiner vornehmen Gönner. Das ständige Auf und Ab in seinem Leben, die harte körperliche Arbeit in frühester Jugend, aber auch der phasenweise reichliche Genuss alkoholischer Getränke forderten seiner Gesundheit bald ihren Tribut ab. Eine schwere Krankheit zwang ihn, seine Amtstätigkeit aufzugeben. Nach einem Kuraufenthalt starb er gerade einmal 37 Jahre alt am 21. Juli 1996 in Dumfries, kurz nach der Geburt seines neunten Kindes Maxwell.

Burns Garden

Auf den Spuren von Robert Burns
Im „Robert Burns Heritage Park“ zu Alloway befindet sich das Geburtshaus des Dichters und das Robert-Burns-Museum. Das Museumsgebäude beherbergt unzählige Original-Dokumente, die mit schwarzen Decken vor schädlicher Lichteinwirkung geschützt werden. Zahllose Requisiten und Gemälde aus dem Leben des großen Poeten fassen dessen Leben und Wirken anschaulich zusammen. Nebenan steht das Burns-Geburtshaus (Burns Cottage).

Burns-Familie in Wachs

Lebensgroße Wachsfiguren der Familie von Robert Burns, das original erhaltene Mobiliar und eine audiovisuelle Dokumentation geben Einblick in die bescheidenen Verhältnisse, in denen Robert Burns aufwuchs.

Nur 800 m davon entfernt befindet sich in einem modernen Gebäude die „Tam O’Shanter Experience“ mit Souvenirshop, Café und Restaurant, einer großen Auswahl an Büchern und Tonträgern und einem großen Filmraum. Ein weiterer bedeutender Schauplatz ist die Ruine der Auld Alloway Kirk, einer typischen Kirche aus der Zeit vor der Reformation. Der Chronik zufolge wurde die Kirche um 1516 erbaut. Auf dem Friedhof dieser Kirche steht der Grabstein von William Burns und seiner Gattin Agnes, geb. Brown, den Eltern des Dichters. Nur wenige Schritte weiter befindet sich der Burns Garden mit dem 70 Fuß hohen Burns Monument. Der Grundstein des Monuments wurde am Geburtstag von Robert Burns im Jahre 1820 gelegt. Vom eindrucksvollen Burns Garden fällt der Blick nach Süden hinab auf die Brig O’Doon, die wie die Alloway Auld Kirk in der Burns-Erzählung Tam O’Shanter eine bedeutende Rolle spielt.

An der Brücke, die Schätzungen zufolge gegen 1400erbaut wurde, ist ein Bild der Hexenjagd mit den dazugehörigen Zeilen aus der Dichtung angebracht: „Now do thy speedy utmost, Meg – and win the keystane o’ the brig“.

Robert-Burns-Festival
Wie eine Schautafel im Inneren des Burns-Monuments verrät, wurde am 6. August 1844 erstmals ein Festival zu Ehren des Poeten durchgeführt. Rund 100 000 Besucher erlebten zunächst die Prozession, die von Ayr aus von den drei seinerzeit noch lebenden Söhnen des Dichters und prominenten Ehrengästen angeführt wurde. Musikkapellen marschierten mit bunten Bannern durch die Straßen und machten in Intervallen Halt, um die Aufmerksamkeit auf lokale Beitragsveranstaltungen zu lenken.

Am Ende nahmen die Ehrengäste auf eine Tribüne unterhalb des Burns-Monuments Platz und verfolgten mit den Publikumsmassen verschiedenen Darbietungen aus dem Lebenswerk des schottischen Nationalpoeten. An die Tradition dieses ersten Burns-Festivals knüpfen auch die heutigen Neuauflagen noch an.

Burns Garden

Burns an’ A’ That!
Welchen Stellenwert das Schaffen Robert Burns in Schottland bis heute hat, lässt sich daran ermessen, dass am 1. Juli 1999 zur Eröffnung des Schottischen Parlaments sein Lied „A Man’s A Man for A’ That“ gesungen wurde. An diesen Titel, neben dem weltberühmten „Auld Lang Syne“ wohl das bekannteste Liedwerk von Burns, lehnt sich auch der heutige Festival-Titel „Burns an’ A’ That“ an. Zehn Tage lang steht im letzten Drittel des Monats Mai ganz Ayrshire im Zeichen des Mannes mit der roten Rose. Längst ist das Festival zu einem Synonym für Kultur und Zeitgeist in Schottland avanciert. Zur Tradition gehört der Festakt mit Festbankett, bei dem alljährlich der „Robert Burns Humanitarian Award“ an verdiente Zeitgenossen verliehen wird. Krönender Abschluss ist stets am letzten Sonntag im Mai das gewaltige Feuerwerk auf dem riesigen Low Green in Ayr. Hier verwandelt sich der gesamte Nachthimmel unmittelbar an der Küstenpromenade zu einer Multivisionsshow.
Das Programm zum Festival 2018 finden Sie unter www.burnsfestival.com

Tipps zu Websites und Literatur
Da Robert Burns einen Großteil seiner Dichtungen in „scottish dialect“ verfasste, gibt es wenig Literatur in deutscher Sprache. Erschienen sind bei revonnah (Hannover) von Heiko Postma „Mit Whisky trotzen wir dem Satan – Leben und Lieder des schottischen Barden Robert Burns“ (ISBN 3-934818-65-X), „Tam O’Shanter – eine Erzählung“ (ISBN 3-934818-27-7) und „The Jolly Beggars – die munteren Bettler – a cantata“ (ISBN 3-934818-62-5). Empfehlenswert ist weiterhin die „Biography of Robert Burns“ von James MacKay (Alloway Publishing, Ayrshire, Scotland, ISBN 0-907526-86-3). Lieder von Robert Burns wurden in den 1970er-Jahren auch von Folkrock-Bands wie Steeley Span (Parcel of Rogues, John Barleycorn u.a.) und Tri Yann (Ye Jacobites) vertont. Im Internet finden Sie bei der freien Ezyklopädie wikipedia (
http://de.wikipedia.org./wiki/Robert_Burns) den vollständigen Originaltext des Liedes „Auld lang Syne“, vielfältige Literaturhinweise sowie ein Video zur Eröffnung des Schottischen Parlaments mit dem gesungenen Burns-Lied „For A’ That an A’ That“. Auf der Website www.burnsheritagepark.com hören Sie die erste Strophe von „Auld lang Syne“, allerdings nur, wenn Sie die website in englischer Sprache aufrufen.

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