T-35920 Kulturmetropole Ephesos

Teil 1: Von Amazonen und der Legende von Fisch und Schwein

Aktualitätshinweis: Dieser Beitrag enstand bei einer Türkeireise im Mai 2007.

Die Geschichten und Legenden um Ephesos, eine der touristischen Hauptattraktionen der Türkei mit mehreren Hunderttausenden Besuchern jährlich, füllen nicht nur Bücher, sondern ganze Bibliotheken. Die sagenumwobenen antike Stadt liegt 70 km südlich von İzmir unweit der türkischen Agäisküste in einer Landschaft, die im Altertum Ionien hieß.

Sicher ist, dass Ephesos einst direkt am Meer lag und sich im Laufe von Jahrtausenden durch klimatische und seismische Veränderung von der Küstenlinie entfernte. Alles andere aber, was sonst als „Erwiesen“ in manchen Verlautbarungen angepriesen wird, steht wissenschaftlich auf wackligen Füßen. Nicht zuletzt deshalb, weil nur ein verschwindender Bruchteil der Stadt durch archäologische Grabungen ans Tageslicht gelangte.

Für 3 Euro kann man sich an der Pforte des riesigen antiken Areals ein Buch über Ephesos kaufen. Geschrieben wurde es von dem Germanisten und Kunsthistoriker Dogan Gümüs (die korrekte Schreibweise mit Häkchen und Füßchen lässt meine Tastatur oder mein geringes Wissen über deren Funktionen nicht zu), der es mit Hilfe von Ursula Türel auch ins Deutsche übersetzte. Ich versuche nun eine Übersetzung von Kunsthistoriker zu Otto-Normal-Tourist. Als solcher habe ich Ephesos im Mai und im Dezember 2007 besucht. Ganz aufmerksam lauschte ich den Ausführungen unserer durchaus kompetenten Reiseleiter Mustafa und Mehmet, bei denen immer wieder die kriegerischen Amazonen und die erstaunliche Geschichte vom Fisch und dem Schwein aufgeführt wurden.

Zur Geschichte der antiken Stadt, schreibt Dogan Gümüs, dass die alten Epheser die Amazonen als Stadtgründerinnen verehrt haben. Die griechischen Geographen und Geschichtsschreiber Strabon (* etwa 63 v. Chr. in Amaseia in Pontos, † nach 23 n. Chr.) und Pausanias Periegetes (* um 115 n. Chr. in Kleinasien; † um 180 n. Chr.) waren davon überzeugt, dass sich der Name der Stadt von der schönen Amazonenkönigin Ephos ableitete.

Gümüs beschreibt die Amazonen als von sich selbst überzeugte kriegerische Frauen, deren Ursprung man im Nordosten Anatoliens suchen müsse. Dazu ein Zitat aus dem Buch: „In der Mythologie sind Amazonen Nachkommen des Kriegsgottes Ares und der Flußfee Harmonia oder der Göttin Aphrodite, was auch ihre kriegerische Einstellung erklären würde. Um auch im Pfeilschießen erfolgreicher zu werden, gingen sie sogar soweit, sich eine Brust amputieren zu lassen. Außerdem waren sie ausgezeichnete Reiterinnen und man sieht sie allgemein als erste Kavallerie überhaupt an. Sie nahmen die Männer, die in ihren Augen minderwertige Geschöpfe waren, überhaupt nicht ernst, und sie hatten ihnen nur Dienste zu leisten. Aber sie gingen auch Beziehungen mit Männern aus benachbarten Ländern ein und töteten sie bald darauf“ (Zitat Ende).

Woher weiß der gute Dogan Gümüs das? …frage ich mich, und schau mal bei wikipedia nach. Tatsächlich gibt ihm die vielgelobte Enzyklopädie im Internet eine Bestätigung seiner Darstellungen. Zur Herkunft des Namens ist dort Beispielsweise festgehalten: Oft wurde die griechische Bezeichnung „Amazone“ auf a-mazos (brustlos) zurückgeführt. Denn die Amazonen sollen ihren kleinen Töchtern – laut einigen späteren Quellen – die rechte Brust ausgebrannt haben, damit diese später den Bogen ungehindert abschießen konnten.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die Amazonen über der rechten Brust ein Lederdreieck trugen, welches die Brust flach drückte. Damit konnte die Sehne des Bogens ungehindert gespannt werden. Dies erweckte den Eindruck von „Einbrüstigen“. Allerdings wurden Amazonen in den griechischen Darstellungen gewöhnlich mit zwei Brüsten wiedergegeben. Die Herleitung von a-mazos wird in der Forschung daher mittlerweile überwiegend abgelehnt und ist nicht die einzige vorgeschlagene mögliche Deutung des Namens. (Zitat Ende). Nun wissen wir also Bescheid. Oder nicht?

Unser Reiseleiter Mustafa erzählte im Mai 2007 ebenso wie sein Kollege Mehmet sieben Monate später mit großer Leidenschaft von einer anderen Legende zum Ursprung von Ephesos. Auch Dogan Gümüs weist in seinem Reisführer darauf hin, dass die Stadt von Androklos, dem Sohn des Königs Kadros, gegründet worden sein soll – den Legenden zufolge, versteht sich. Hinweise darauf fänden sich auch auf den Friesen des Hadrian-Tempels, dem ich später einen gesonderten Beitrag widmen möchte.

Hier taucht die berühmte Fisch-Schwein-Legende auf. Der Überlieferung nach musste Androklos nach dem Tod seines Vaters vor dem aufbegehrenden Volk fliehen. Auf der Suche nach einem geeigneten Gebiet zur Neugründung seines Reiches befragte er das Orakel von Delphi und erhielt als Antwort: „Ein Fisch wird Dir den Platz weisen und ein Schwein wird dir den Weg zeigen“.

Unisono, wenngleich in anderer Umschreibung, erzählten die Reiseleiter von der seltsamen Begebenheit, die schließlich zur Stadtgründung führte: Ein Fisch sprang bei der Zubereitung eines Festmahls aus der Pfanne und schreckte ein Wildschwein auf, das sofort die Flucht ergriff – und somit den Weg wies. „Shit happens“ kann man da nur sagen. So muss man auch den Geschichtsschreibern der Antike eines lassen: An Phantasie mangelte es nie!

Quellenangabe:

Ausführungen der Reiseleiter Mustafa und Mehmet von Vogue-Travel, Antalya

Reiseführer „Ephesos“ von Dogan Gümüs, Deutschspr. Ausgabe 2006 (www.atatour.com), herausgegeben von DO-GÜ Yayincilik Turizm Ticaret Ltd. Sti., Selcuk

Informationstafeln vor Ort

Wikipedia.de mit folgenden Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ephesos

http://de.wikipedia.org/wiki/Amazonen#Amazonen_in_der_griechischen_Mythologie_und_in_sonstige

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