SC-01292 Auf den Spuren der Oswalds in Auchincruive

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Natur, Kultur und Wissenschaft am Rande von South Ayrshire

Wer als Wanderer am Ayr River Walk oder als Besucher mit der Buslinie 42 oder 52 vom Busbahnhof Ayr nach Auchincruive kommt, wird dort vergeblich nach einem Dorf mit Ortskern, Kirche und einigen Häusern suchen. Auchincruive könnte man als eine einzige große Gärtnerei mit der Oswald Hall als zentrale Anlaufstelle bezeichnen. In Auchincruive ist das Scottish Agricultural College ansässig und profitiert vom segensreichen Wirken der Familie Oswald im Sinne des Landschaftsschutzes und der Landschaftspflege in der Zeit von 1764 bis 1921. Die Oswald Hall wurde 1988 zu einem attraktiven Conference Center umgestaltet. Kein Geringerer als Robert Adam, der auch das berühmte Culzean Castle an der Südwestküste Schottlands gestaltete, war beim Bau des einstigen Mansion House als Designer tätig. Auchincruive hat darüber hinaus auch für Wanderer etwas zu bieten. Die Auchincruive Country Walks führen durch reizvolle Landschaft und zu interessanten Sehenswürdigkeiten wie die Oswald Bridge über den River Ayr oder zu „Wallaces Seat“, wo Nationalheld William Wallace seine Kriegspläne gegen die Engländer geschmiedet haben soll…

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Seit 1208 Familienbesitz

Auchincruive ist der größte und bedeutendste der drei Universitätskomplexe des „Scottish Agricultural College“. Über viele Jahrhunderte befand sich das Areal in Familienbesitz. Urkundliche Nachweise reichen bis in das Jahr 1208 zurück. Hier wird Sir Richard Wallace, ein Vorfahr des Nationalhelden William Wallace, als Eigner aufgeführt. Bis 1384 besaßen die Wallaces auch die Ländereien von Sundrum und Dalmellington. In der Zeit von 1384 bis 1758 fiel der Besitz in die Hände der Cathcart Familie, die mit ihren Nachkommen alleine in Auchincruive lebten, bis das Gut an James Murray of Broughton verkauft wurde. Dieser wiederum verkaufte es im Jahre 1764 an Richard Oswald, einem vermögenden Geschäftsmann aus London. Sein Vermögen hatte sich Oswald durch Handelsbeziehungen nach Afrika und Amerika erworben. Er besaß mehrere Büros und Niederlassungen in Glasgow und mehrte seinen Reichtum noch durch die Hochzeit mit der Tochter eines verstorbenen Plantagenbesitzers, der wiederum beträchtlichen Ländereien in Florida und Jamaika besaß.

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Die Oswald-Area

Richard Oswald verlagerte den ursprünglichen Unternehmenssitz von London nach Auchincruive. In Zeiten der Rezeption in Ayrshire konnte er das Grundstück recht billig erwerben. Seine erste Investition galt der Vervollständigung des Auchincruive Mansion House, das von dem in Schottland bekannten Architekten Robert Adam entworfen wurde. Durch seine Aktivitäten in Amerika war Oswald auch für den Premierminister Lord Shelbourne ein gefragter Mann bei Verhandlungen mit Amerikanern (und Franzosen) und wirkte somit auch indirekt an den Unabhängigkeitsbemühungen Amerikas mit, die mit der Unterzeichnung eines endgültigen Entwurfs am St. Andrews Day 1782 vollendet wurden. Diese Tätigkeit brachte Richard Oswald auch den Beinamen „Peacemaker“ ein, wenngleich seine Einstellung zum Handel mit afrikanischen Sklaven nicht unumstritten war..

Das Mansion House heißt heute Oswald Hall. Wann die Umbenennung erfolgte, ist unbekannt. Aus der Zeit der Erbauung wird berichtet, dass es oft zu Problemen kam, da Designer Robert Adams überwiegend in London beschäftigt war. Die Baukontrolle war ein schwieriges Unterfangen, da weder Architekt noch Bauherr regelmäßig vor Ort waren. So klagte Oswald’s Agent in einem Schreiben: „The whole work of your new house goes very slowly and in short I have no pleasure in looking at what is done“.

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Die Handschrift des berühmten Architekten Robert Adam

Das heutige Erscheinungsbild der Oswald Hall zeigt äußerlich nur einige Kostproben von Adams architektonischen Fähigkeiten. Der Originalplan des Hauptgebäudes weist untergeordnete Flügel zur Südfront auf, die jedoch nicht vorhanden sind, weil im Laufe der langen Bauzeit ständig Änderungen und Erweiterungen vorgenommen wurden. So entstand ein Gebäude, das nicht in all seinen Elementen die Handschrift von Robert Adam zeigt. Etwa um 1800, nachweislich jedoch vor 1830, wurde ein Nebengebäude an der Ostseite angefügt und mit dem Hauptgebäude verbunden. Das Nebengebäude präsentierte sich mit verzierten Fenstern und kunstvollen Balustraden. Ein Westflügel war zu dieser Zeit nicht in Planung. In der folgenden Rekonstruktion (nach 1830) wurde das Verbindungsgebäude dem Hauptgebäude angeglichen. Die Balustraden wurden entfernt, ein neues Treppenhaus entstand und vorhandene Räumlichkeiten wurden verändert. Nach 1885 – das genaue Datum ist nicht bekannt – wurde der Westflügel angefügt. Die letzten großen Veränderungen wurden 1931/32 protokolliert, als Zufahrtswege angelegt, das Gelände vor dem Gebäude vertieft und Treppengänge der neuen Außenanlage angepasst wurden.

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Das Innenleben der Oswald Hall

Das Interieur des Hauses weist einige Huldigungen an den großen Designer Robert Adam auf. Die vorhandenen Malereien an den Zimmerdecken sind Zeugnis dafür, dass viele seiner Ideen in diesem Gebäude auch tatsächlich im Sinne des Meisters ausgeführt wurden. Der zuletzt veränderte Raum ist die große Eingangshalle, ein interessantes Beispiel des Jugendstils. Der Korridor mit seinem dreiteiligen Fries und den gekreuzten Klingen ist ein Beispiel von Adams Design. Die Deckenkonstruktion stimmt exakt mit seinen Zeichnungen überein und zeigt das Motiv des „Thyrsus entwined with ivy“ (Thyrsus von Efeu umflochten). Auch im Dining Room findet man die für Robert Adam typischen Deckendesigns und Türverzierungen. Um den Kamin aus weißem Marmor zieren Zeichnungen von Weinranken und Früchten die Wand. Im Vorzimmer oder Boudoir finden sich ältere Türverzierungen mit auffälligen Ziergiebeln, deren Charakteristik man dem „mid-Georgian type“ zuweist. Ein weiteres Schmuckstück des Gebäudes ist der Music Room (auch Drawing Room). Die großen Fenster gewähren ein Blick auf den herrlichen Garten und die Ornamente an den aufgegliederten Wänden stellen verschiedene klassische Musikinstrumente dar. Auch hier durfte ein typischer Adam-Fireplace nicht fehlen. Vorübergehend waren einige Winkel bzw. Nischen des Raumes mit Gobelin geschmückt.

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Exzellente Landlords

Richard Oswald starb im Jahre 1784. Er und seine Frau Mary wurden in der St. Quivox-Kirche beigesetzt. Als die Bestattungsprozession von Mary durch Sanquhar zog, gehörte auch Schottlands Nationalpoet Robert Burns zu den Trauernden. Aber Burns interessierte sich letztlich doch mehr für die nächste „Lady von Auchincruive“, Lucy Johnston, die mit einem Großneffen von Richard Oswald verheiratet war. Ihr zu Ehren schrieb Burns das Liedgedicht „O Wat ye Wha’s in Yon Toon“.

Die Herrschaft der Oswald-Familie über Auchincruive währte bis 1921, als „Auld Dick“ (Richard Alexander Oswald) starb. Die Büsten des letzten Besitzer-Paares zieren den Eingangsbereich der Oswald Hall. Um 1920 besaß die Oswald-Familie 44 umliegende Farmen und beträchtliches Immobilien-Eigentum in Prestwick und Ayr. Über Generationen waren die Oswalds als exzellente „Landlords“ geschätzt, die sehr rücksichtsvoll mit ihren Bediensteten und Arbeitern umgingen. Der Auchincruive Estate verwandelte sich dank ihres Wirkens in eine blühende und ertragreiche Landschaft. Zahlreiche Baumpflanzungen, die Errichtung und Gestaltung extensiver Gärten und Gewächshäuser und die „hängenden Gärten“ am Ufer des River Ayr gehen unter anderem auf das Engagement der Familie Oswald zurück.

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Vom Ladies Hostel zum Conference Center

Im Jahr 1925 fiel der Auchincruive Estate in den Besitz von John Hannah, eines namhaften Kartoffelanbauers und Züchter von Clydesdale-Pferden aus Girvan Mains. Er knüpfte die Kontakte zur Direktion des 1899 gegründeten „West of Scotland Agricultural College“ und bot das Gelände als Stiftung zu Zwecken der Ausbildung und Forschung an. Darauf erfolgte zunächst eine Ablehnung, da man sich bereits für Glasgow als Standort entschieden hatte. 1927 aber wendete sich das Blatt und das College bezog im Dezember dieses Jahres Quartier in Auchincruive. Neben dem Agriculture College existiert in Auchincruive auch ein Hannah Research Institute. Nach der Übernahme durch die College Governers stand das Mansion House einige Jahre leer und wurde dann zu einem „Ladies’ Hostel“ umgebaut. Die Eröffnung erfolgte am 10. Juli 1931 durch den Herzog und die Herzogin von York (die spätere Queen Elizabeth).

Ab 1955 wurde der Dining Room ebenso wie der Music Room in der Oswald Hall für die Verpflegung von Personal und Studenten genutzt, bis andernorts auf dem Estate ein neuer Speisesaal errichtet wurde. 1988 wurde der Catering-Service des College privatisiert und man nutzte die Gelegenheit, das zentrale Gelände des Auchincruive Estate gründlich aufzupolieren und zu einem attraktiven Conference Center umzugestalten. Eingangshalle, Dining Room, Music Room und viele weitere Räume wurden von einer Arbeitsgruppe des College sorgfältig nach Originalvorlagen restauriert. Auch die Außenanlage wurde saniert und teilweise völlig neu gestaltet. Mit einer Jahres-Generalversammlung der „Governors of the Scottish Agricultural College“ wurde das Oswald Hall Conference Center am 2. August 1988 feierlich eröffnet. Mit etwas Glück kann der interessierte Besucher die Räume besichtigen und mit noch etwas mehr Glück ist auch die nette Dame, die uns ausführlich und kostenlos durch die Räumlichkeiten führte, anwesend. Auf ihre Erläuterungen und auf das bereitgestellte Infomaterial stützen sich alle Angaben in diesem Beitrag.

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Auchincruive Country Walks

In unmittelbarer Nähe des Zufahrtstores zur Oswald Hall befindet sich die sehenswerte Oswalds Bridge über den River Ayr. Die Brücke wurde 1826 anstelle einer älteren Brücke errichtet. Von dort sind es nur wenige Schritte zu einem Monument, auf dem die berühmtesten Söhne Schottlands, William Wallace und Robert Burns, gemeinsam verewigt sind. Der Geburtsort des Nationalpoeten liegt nur wenige Kilometer entfernt in Alloway und von „Braveheart“ William Wallace weiß man, dass er sich in den Leglen Woods in dieser damals noch dicht bewaldeten Gegend vor den Engländern versteckt hielt. Eine Infotafel am Besucherparkplatz der Oswald Hall macht auf verschiedene Themenwanderungen aufmerksam. Der Waggonway Trail folgt der Route, auf dem bis ins 19. Jahrhundert Kohle zum Hafen nach Ayr transportiert wurde (Siehe yabadu-Outdoorbericht) und führt zu „Wallaces Seat“, einem Felsen am Ufer des River Ayr, auf dem Wallace einst Kriegspläne gegen die Engländer schmiedete. Auf dem Oswald’s Trail lernt man die „hängenden Gärten“ am Ufer des Flusses Ayr kennen, die um 1830 von arbeitslosen Minenarbeitern angelegt wurden. Der „Three Green Knights Walk führt druch artenreiche Mischwald und gewährt Blicke auf die Carrick Hills und die Berge der Insel Arran weit im Westen. Vielen Vogelarten und Waldtieren kann man begegnen, wenn man sich auf den Farm Trail Walk begiebt. Hier lernt der Wanderer die Mischwälder, Schafsweiden und Felder rund um Auchincruive kennen und kann bei guter Sicht auch einen Blick auf Arran und Mull of Kintyre werfen. All diese Rundwanderungen nehmen nicht mehr als 40 bis 90 Minuten in Anspruch. Neben den vier Auchincruive Country Walks gibt es noch den River Ayr Way, der von der Quelle bis zur Mündung des Flusses Ayr verläuft und eine Gesamtlänge von 66 Kilometern aufweist. Auf diesem Weg gelangt man nach einem etwa zweistündigen Marsch ins Zentrum von Ayr zrück.

Oswald Hall Conference Center

Auchincruive

KA6 5HW

Ayr

Tel. + 44 (0) 1292 525 362

Fax + 44 (0) 1292 525 360

e-Mail: Conference@au.sac.ac.uk

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