
Teil 2: Baukunst in der Breiten Straße
Fachwerk ist für uns Oberhessen wohl kein Fremdwort. Die niedersächsische Fachwerkhäuser wirken auf mich im Gesamtbild dunkler, weil die Gefache nicht immer weiß bestrichen werden. Außerdem fallen mir die kerzengeraden Balken auf. In der Breiten Straße gibt es jede Menge Zeugnisse herausragender Baukunst. Zum Beispiel das barocke Krummelsche Haus (Breite Straße 72), das der aus Berlin stammende Kornhändler Heinrich Kummel im Jahr 1674 erbauen ließ.

„Das hölzerne Fachwerkgerüst ist reich beschnitzt und die Fensterbrüstungen sind geschlossen mit Relieftafeln versehen, so dass die außerdem mit einer monochromen Farbfassung versehene Fassade absichtsvoll wie ein höherwertiger Steinbau wirkt. Die figürlichen Schnitzreliefs eines unbekannten Künstlers stellen unter anderem Erdteil-Allegorien nach Vorlagen des flämischen Kupferstechers Adriaen Collaert (1560–1618) dar“, ist bei wikipedia zu erfahren.

An vielen der historischen Häusern sind kleine Tafeln zur Geschichte angebracht. Eine solche findet man an der Einmündung einer Seitenstraße, die den Blick auf das Schloss freigibt.

Dort befand sich ein Tor, das die durch eine Mauer einst getrennte Altstadt mit der Neustadt in der Ringstraße und der Großen Bergstraße verband. Das Tor stürzte 1652 ein, wurde zunächst repariert doch noch im 17. Jahrhundert abgerissen.

Auf Werbetafeln erfahre ich, dass es in Wernigerode auch ein Feuerwehrmuseum gibt und die Wegweiser locken die Besucher nicht nur zum Schloss, sondern unter anderem auch zur Schanzenanlage Zwölfmorgental, zum Fürstlichen Marstall und dem Lustgarten, zum Wildpark Christianental und zur Krellschen Schmiede anno 1678. Es ist unmöglich, alle diese Highlights an einem Nachmittag zu besuchen.

Das Haus Breite Straße 78 war einst das größte Haus der Stadt. Von 1680 bis 1684 erbaut wurde der vorher dreigeschossige Fachwerkbau – ehemals Hotel „Zum Bären“ – am 22. Februar 1944 bei einem Bombenangriff nahezu zerstört.

Danach wurde nur ein Obergeschoss wieder aufgebaut. Auf einer weiteren kleinen Tafel erfahre wir mehr zu diesem Angriff, bei dem amerikanische Bomber der 8. US Air-Force 210 Sprengbomben auf Wernigerode abwarfen. 192 Menschen kamen dabei ums Leben, 67 Gebäude wurden total zerstört, 400 weitere teilweise.

Gegenüber steht das barocke, dreigeschossige Handelshaus (Breite Straße 71), an dem wir erfahren, was „Neidköpfe“ sind.

An dem 1696 erbauten Haus befinden sich 32 skurrile Gesichtsmasken, die nach dem Volksglauben Böses und Unheil abwehren sollten. Schnell erreiche ich in der Breitenstraße den offiziellen Zugang zum Weihnachtsmarkt, der besonders durch die Terrorismus-Absperrung auffällig wird.

Bei mir steigt Zorn auf wenn ich dran denke, dass solche kostspieligen Sicherungsmaßnahmen wegen einer Handvoll Durchgeknallter im ganzen Land durchgeführt werden müssen.

Da ich aber noch keine Lust auf Glühwein, Bratwurst, Schaschlik, Langos, gebrannte Mandeln oder Lebkuchenherzen habe, gehe ich noch einmal ein paar Seitenstraßen ab und komme an die St. Johanneskirche.

Auch hier hängt eine Tafel, die uns wissen lässt, dass sie zwischen 1260 und 1279 als Pfarrkirche der Neustadt erbaut wurde. „Der wuchtige Westturm und das südliche Querhaus sind romanisch. Ein Erweiterungsbau schloss 1497 mit dem spätgotischen Chor ab“, liest man hier.

Die hölzerne Tür war verschlossen, sonst hätte ich mir vielleicht den gotischen Schnitzaltar aus dem Jahr 1415 angeschaut. Nach dieser Extrarunde will ich nun aber endlich das Rathaus sehen – und dazu muss ich nun durch den Trubel des Weihnachtsmarktes. Zum Glück ist noch nicht allzu viel Betrieb.